Die syrische „Muna“: Ein kulturelles und wirtschaftliches Erbe

Zum Ende des Sommers und mit Beginn des Herbstes herrscht in syrischen Städten und Dörfern ein reges Treiben: Es ist die Zeit der „Muna“. Dabei handelt es sich um eine jahrhundertealte Tradition der Vorratshaltung, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde, um die Erzeugnisse der Erde für das ganze Jahr zu konservieren und die Grundversorgung der Familie zu sichern. In dieser Zeit verwandeln sich die Haushalte in geschäftige Orte: Auf den Dächern werden Tücher zum Trocknen von Gemüse ausgebreitet, Schnüre mit Okraschoten zum Trocknen aufgehängt und gefüllte Gläser in den traditionellen Vorratsschränken, den „Namliyeh“, aufgereiht.
Die „Muna“ ist weit mehr als bloße Konservierung; sie ist ein ganzheitliches System, das die häusliche Wirtschaftsführung der Syrer verdeutlicht. Das „Makdous“ – in Öl eingelegte, mit Walnüssen, Paprika und Knoblauch gefüllte Auberginen – gilt dabei als der „König der Muna“ und erfordert bei der Zubereitung größte Sorgfalt. Ergänzt wird dies im Winter durch Milchprodukte wie Labneh, lokalen Käse und Shanklish.
Die Tradition umfasst jedoch nicht nur Gemüse, sondern auch Getreide. Die Zubereitung von Bulgur und Freekeh folgt eigenen Riten: Während Weizen für Bulgur gekocht und getrocknet wird, bevor er geschrotet wird, werden für Freekeh grüne Weizenähren geröstet. Früher wurden diese Vorräte in Tontöpfen vor Feuchtigkeit und Insekten geschützt. Die Sonne spielt eine zentrale Rolle beim Trocknen von Molokhia, Auberginen und Zucchinischalen sowie bei der Herstellung von konzentriertem Tomaten- oder Granatapfelmark, um den Geschmack der Saison zu bewahren.
Sozial gesehen stärkt die „Muna“ den Zusammenhalt, etwa durch die „Auna“ – das gemeinschaftliche Treffen von Nachbarinnen und Verwandten, um Aufgaben wie das Zerkleinern von Paprika oder das Reinigen von Molokhia gemeinsam zu bewältigen. Dies dient nicht nur der Arbeit, sondern auch dem Austausch von Erfahrungen und Geschichten. Laut Studien, etwa in der Fachzeitschrift der American Anthropological Association, bleibt die Muna eine strategische Wahl syrischer Familien, da sie Ausgaben senkt und die familiäre Identität stärkt.
Historisch betrachtet war die Muna eng mit dem wirtschaftlichen Austausch zwischen Stadt und Land verknüpft. Der Damaszener Historiker Munir Kayyal dokumentierte, wie Händler in Damaskus von den Überschüssen der ländlichen Produktion profitierten. Archäologische Funde von Vorräten in Siedlungen aus dem dritten Jahrtausend vor Christus belegen zudem, dass die Vorratshaltung ein tief verwurzelter Teil der syrischen Kultur und Landwirtschaft ist.
Trotz moderner Zeiten halten viele syrische Familien an dieser Tradition fest. Hausfrauen wie Suad Baqdounis aus der Region Rif Dimashq betonen, dass selbstgemachte Vorräte nicht nur besser schmecken, sondern auch sicherer und wirtschaftlicher sind. So bleibt dieses überlieferte Wissen ein lebendiges häusliches Gedächtnis, das den Geschmack der Jahreszeiten bewahrt und die Widerstandsfähigkeit des syrischen Haushalts unterstreicht.
