Britischer Experte entwirft Fahrplan für syrisches Bankensystem

Britischer Experte entwirft Fahrplan für syrisches Bankensystem

Syrien steht an einem Wendepunkt, der eine historische Chance bietet, das Finanzsystem des Landes von Grund auf neu und auf soliden Fundamenten aufzubauen, ohne auf veraltete Strukturen angewiesen zu sein. Innerhalb des letzten Jahres hat sich die internationale Isolation des Landes deutlich verringert: Nach der Aufhebung von Sanktionen durch Washington und der Rücknahme restriktiver Maßnahmen durch den UN-Sicherheitsrat konnte Syrien seine diplomatische Präsenz stärken. Auf bankentechnischer Ebene ist die syrische Zentralbank nach 14 Jahren wieder an das globale SWIFT-System angeschlossen. Gleichzeitig wurden neue Korrespondenzkanäle zur türkischen Zentralbank etabliert, Gespräche mit US-Institutionen zum Thema Dollar-Clearing aufgenommen und eine neue, abgewertete syrische Lira eingeführt. Zudem bewilligte die Weltbank im August eine Zuwendung in Höhe von 100 Millionen Dollar zur Modernisierung des syrischen Finanzsektors.

Trotz dieser positiven Signale bleibt der enorme Finanzbedarf für den Wiederaufbau, der auf über 200 Milliarden Dollar geschätzt wird, eine Herausforderung. In Ermangelung eines funktionierenden lokalen Kreditsystems sind die jährlichen Rücküberweisungen syrischer Expatriates in Höhe von rund 4 Milliarden Dollar zur lebenswichtigen Devisenquelle geworden. Der Bankensektor selbst ist noch immer fragil und benötigt frisches Kapital.

Simon Toplim, Gründer und Vorstandsvorsitzender der auf digitale Bankinfrastruktur spezialisierten Gruppe „REALIS Finance“, betont in einer Analyse, dass das Land nicht den langsamen Weg traditioneller Strukturen gehen sollte. Vielmehr biete die aktuelle Situation ein „unbeschriebenes Blatt“, das den direkten Sprung in eine moderne digitale Finanzinfrastruktur ermöglicht. Die syrischen Behörden scheinen dies erkannt zu haben: Die Zentralbank hat bereits Lizenzierungen für digitale Zahlungsdienstleister eingeführt und Gesetze zum Bankgeheimnis, zur Geldwäschebekämpfung und zur digitalen Signatur erlassen. Im Mai fand die erste Kartenzahlung über lokale POS-Terminals statt, gefolgt von einem präsidentiellen Dekret im August, das den nationalen Rahmen für den elektronischen Zahlungsverkehr und die digitale Transformation vorgibt.

Toplim warnt jedoch davor, den Fehler zu begehen, erst ein geschlossenes lokales System aufzubauen, um dieses später international anzubinden. Stattdessen schlägt er einen vierstufigen Fahrplan vor: Erstens die sofortige internationale Anbindung durch institutsübergreifende Währungskonten und effiziente Abwicklungsmechanismen. Zweitens den Aufbau von Compliance-Systemen mittels Künstlicher Intelligenz, um das Vertrauen internationaler Korrespondenzbanken zu gewinnen. Drittens die Etablierung transparenter und kostengünstiger Korridore für Rücküberweisungen, die als Basis für den Handels- und Investitionsfinanzierung dienen. Viertens die Einführung eines hybriden Abwicklungsmodells, das traditionelle Bankennetze mit digitalen Assets kombiniert.

Der Experte unterstreicht, dass diese technologischen Lösungen als ergänzende Schicht unter Aufsicht der syrischen Zentralbank fungieren. Die bereits eingeleiteten gesetzgeberischen Schritte seien bemerkenswert schnell, doch der Erfolg hänge davon ab, ob die Finanzinfrastruktur von Beginn an globalen institutionellen Standards entspreche.


Quelle: Syria Focus auf Arabisch

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